Montag, 6. Juli 2015

Von Jäger-Sammlern zum modernen Menschen Evolution zwischen Konkurrenz und Kooperation

Von Jäger-Sammlern zum modernen Menschen Evolution zwischen Konkurrenz und Kooperation






Auszüge aus einem Referat von Prof. Dr. Carel van Schaik, Direktor des anthropologischen Instituts der Universität Zürich

Seit Darwin ist es bekannt: Wir sind hoch entwickelte Affen. Zu 99 Prozent entsprechen unsere Gene denjenigen der Schimpansen. Worin liegt aber, jenseits der Genetik, der grosse Unterschied? Was ist bei uns dazu gekommen und was vielleicht verschwunden? Sind Konkurrenz und Egoismus der Motor, wie es lange Zeit angenommen wurde, oder spielt nicht der Wille und die Fähigkeit zur Kooperation eine grosse Rolle?

In seinem Referat zeigt C. van Schaik auf, dass wir ein grosses Mosaik von Verhaltensweisen untersuchen müssen, um zu begreifen, wie der Mensch zum Menschen geworden ist. Bloss aus dem Verhalten der Menschenaffen lässt sich unsere Karriere nicht erklären, denn die verdanken wir nicht nur der kontinuierlichen Entwicklung von Fähigkeiten. Es musste etwas völlig Neues dazu kommen.


Was unterscheidet den Menschen vom Affen?


Nach 50 Jahren intensiver Forschung mit Primaten zeigt sich, dass für die Entwicklung zum Menschen die Kooperation bei der Aufzucht und Betreuung der Jungen sowie das gemeinsame Jagen und Sammeln zentral sind.

Der Homo Sapiens hat mit Jagen und Sammeln eine neue Nische in der Ökologie gefunden. Im Detail sind es folgende Verhaltensweisen, die zur Entwicklung des Menschen geführt haben:

  • Das wirtschaftliche Zusammenleben, es bedingt und fördert
  • das Jagen und Sammeln in Gruppen
  • das Teilen der Beute und der Vorräte
  • das gemeinsame Aufziehen der Jungen
  • die Fähigkeit und das Interesse, sich (geografisch) zu verbreiten
  • Menschen zeigen ausgeprägtes pro-aktives Verhalten und Fairness beim gemeinsamen Handeln
  • Feste Paarbeziehungen sind ein Element des Zusammenhalts
  • Neu ist die gesteigerte Fruchtbarkeit: (Primaten bringen alle 7-9 Jahre Junge zur Welt, Menschen ca. alle 2 Jahre), neu ist auch die Menopause der Frauen, mit höherer Lebenserwartung entsteht die Gruppe der Grossmütter
  • Eine wichtige kulturelle Entwicklung ist das aktive Lehren und Lernen, das Weitergeben von Wissen
  • Zentral ist die Entwicklung der Sprache, ganz allgemein eine deutliche Steigerung der kognitiven Fähigkeiten


Wie sich Verhalten ändert und das Repertoire erweitert


Das Verhalten wird bestimmt und verändert durch äussere Ursachen und innere Gründe. Die Entwicklung einer neuen Funktion, von neuen Verhaltensformen schafft und fördert immer auch neue Mechanismen für deren Anwendung. Folgen davon. sind Änderungen in der Kultur und in der Psychologie der Betroffenen. Der frühe Mensch begann aktiv zu kooperieren und entwickelte Toleranz gegenüber seinen Artgenossen. 

Folgende Zusammenhänge bestätigen das:


  • Gemeinsames Jagen verlangt Absprachen, man muss sich versammeln und das Vorgehen koordinieren. Anschliessend muss man bereit sein, die Beute zu teilen.
  • Die gemeinsame Aufzucht der Jungen bedingt u.a. eine kooperative Verteilung der Nahrung, man muss empathisch reagieren können und selber Möglichkeiten sehen, anderen zu helfen.
  • Beispiel Krallenäffchen: Der Vater und die Geschwister tragen die Jungen herum, nicht die Mutter, und Leckerbissen werden an den Nachwuchs verteilt (ganz im Gegensatz zum Verhalten der Menschenaffen).
  • Fähigkeits- und Wissenstransfer von Erwachsenen zu den Jungen. Beispiel: Knacken von Nüssen und harten Früchten mit einem Werkzeug



Soziale Evolution zeigt sich im veränderten kulturellen Verhalten


Entscheidende Faktoren sind:


  • Soziale Schichtung, Klassensystem, Elitenbildung
  • Partnerschafts-/ Paarungsverhalten
  • Verwandtschaftseinfluss
  •  Machtmonopol

Während der Entwicklung von einer Gesellschaft der Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit dauert es etwa 10‘000 Jahre. Die oben genannten Faktoren veränderten sich in der Zeit wie folgt:

Jäger und Sammler waren sehr egalitäre Gruppen und lebten monogam! Während ihren Wanderungen und in der ersten Zeit in Europa lebten sie in kleinen Gruppen und trafen kaum je auf andere frühe Menschen. Die Grösse der Gruppen war wichtig, solange jeder und jede die andern kannte, brachte das kaum Probleme. Jäger und Sammler hatten noch keinen Besitz, wohl aber einen Ruf (eine Reputation), den man verlieren konnte.

Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit wurden neu Vorräte gelagert. Das schaffte erste Ungleichheiten. Durch die Zunahme der Bevölkerung entstanden erste Konflikte, Vorräte und Lebensräume wurden gegen Aussenstehende verteidigt. Die Monogamie nahm mit der Sesshaftigkeit ab, die Frauen wurden zur „Handelsware“, Wohlhabende konnten sich mehrere Frauen leisten. Es bildete sich eine Elite, und Verwandtschaftsbeziehungen wurden immer wichtiger (es bildeten sich z.B. Brüdergemeinschaften).

Je fruchtbarerer eine Gegend war, je produktiver eine Volksgruppe, desto grösser werden die Ungleichheiten, desto stärker verbreitete sich die Polygamie. Konflikte wurden häufiger und dienten dazu, neues gutes Land zu erobern und die Unterlegenen als Sklaven einzusetzen. Als sich an der Spitze einer Volksgruppe Pharaonen oder Könige etabliert hatten, wurden die Klassenunterschiede sehr gross. Es entwickelte sich eine Arbeitsteilung, Polizeitruppen und eine Armee wurden gebildet, sie symbolisieren das Machtmonopol und sollten die Elite und deren Besitz schützen. In solchen Gesellschaften lebte der Einzelne anonymer, und Anonymität fördert Gewalt.



Fazit: Während diesen 10‘000 Jahren nahm die Konkurrenz laufend zu und die Kooperation ab.


Der Grad der Ungleichheit ist ein Barometer


Je grösser die sozialen Ungleichheiten in einer Gesellschaft sind – und das gilt auch heute – desto stärkere Konsequenzen auf die Lebensqualität zeigen sich:


  • mehr körperliche und psychische Gesundheitsprobleme
  • eine tiefere Lebenserwartung und höhere Kindersterblichkeit
  • mehr Teenager-Schwangerschaften
  • mehr Gewalt und Morde, in der Familie und der Gesellschaft
  • ein schwaches Umweltbewusstsein
  • weniger Innovationsbereitschaft, weniger Interesse an Neuerungen
  • eine höhere Religiosität


Zusammenfassung


  • Historisch gesehen sind wir Sammler, die für ihr Überleben auf Kooperation angewiesen sind.
  • Seit dem Holozän hat die soziale Evolution die Anreize für ein Konkurrenzverhalten verstärkt.
  • Die Entwicklung der Menschen verlief zu schnell, als dass sie allein durch natürliche Selektion gesteuert worden wäre. Die stärksten Impulse kamen wahrscheinlich aus kulturellen Veränderungen.
  • In Gesellschaften, denen die Balance zwischen Kooperation und Wettbewerb gelingt, ist das Wohlergehen ihrer Bevölkerung am Höchsten. Daraus ergeben sich politische Forderungen: Die Unterschiede zwischen den Besitzenden und Einflussreichen und den unteren Schichten dürfen nicht zu gross sein.
    Die Schweiz, das sagte der Referent, ist bis vor etwa 30 Jahren in dieser Beziehung ein Vorbild gewesen! Gut ist es aber auch, wenn die sozialen und finanziellen Verhältnisse in einer Gruppe nicht zu gleich sind, sonst nimmt das Bedürfnis nach Innovation ab.

In unserem Verhalten zeigen sich auch heute noch archaische Reaktionen aus der Zeit der Jäger und Sammler. So versuchen wir z.B. mit einem Lächeln Situationen zu entschärfen oder wir erröten in peinlichen Situationen. Das sind klare Zeichen für ein Angebot zur Kooperation. Unser Bedürfnis nach Sicherheit und Anerkennung ist tief in unserer Psyche verankert. Der Menschen ist also kein Homo oeconomicus, kein rationaler, ausgeprägter Nutzniesser! Menschen können altruistisch und selbstlos handeln. Wir kooperieren ohne Zwang. Und zudem, so denkt der Schreibende: Wer sozial lebt, muss sich nicht über alles selbst den Kopf zerbrechen.


Um die heutigen Herausforderungen zu meistern,
braucht es neue Ansätze


Koreferat von Dr. Barbara Dubach Gründerin und Geschäftsführerin von „EngageAbility“ (www.engageability.ch). 


Im Jahre 1972, in dem Mani Matters Text (Dene wos guet geit...) entstanden ist, trat mit einem Paukenschlag der „Club of Rome“ mit seinem Buch „Grenzen des Wachstums“ ins Rampenlicht. 


Die Diskussion um unsere ökologische Zukunft war lanciert. Regierungen, globale Unternehmungen und viele politische Gruppierungen nahmen sich des Themas an. Die weltweite Verantwortung (Corporate Responsibility) wurde erstmals auf Traktandenlisten gesetzt. Mit dem Umwelt-Gipfel-Treffen, dem Earth Summit in Rio, versuchten über 50 Staaten Grundsätze für nachhaltiges Wirtschaften fest zu legen. 

Folge-Veranstaltungen fanden schon weniger Resonanz, staatliche Eigeninteressen verhinderten griffige Entscheide. Trotzdem: die Grenzen des Wachstums und Nachhaltigkeit gehören heute zum weltweiten Katalog der Wirtschaftsthemen.


Der Spagat zwischen besserem Lebensstandard und grösserer Umweltbelastung



Die Herausforderungen


Armut, Klimawandel, Ressourcenknappheit, Verteilung und Privatisierung des Wassers, Energieverbrauch, CO2 – Ausstoss, ein tiefer Lebensstandard, fehlende medizinische Versorgung, wenig Bildungsmöglichkeiten und grosse Arbeitslosigkeit sind die Probleme vieler Länder in der Dritten Welt.

Tragen wir in einem Diagramm waagrecht die Höhe des Lebensstandards ein und gegen oben den ökologischen Fussabdruck, so ballen sich die afrikanischen Länder am unteren Rand zusammen. Nach oben mit zunehmender Umweltbelastung pro Einwohner ansteigend stehen die Länder Europas, als einsame Spitze die USA.

Das Dilemma, in dem „die Welt“ steckt: Der ökologische Fussabdruck wird grösser mit steigender Lebensqualität.


Firmeneinsatz (Business Case) für nachhaltige Entwicklung


Wie kann man die Lebensbedingungen in der 3. Welt verbessern und zugleich die ökologische Belastung verkleinern? Zur Bearbeitung dieser Frage sind alle beteiligten Akteure gefordert: Behörden, internationale Organisationen, NGO’s, Medien, Wissenschaft, Bevölkerung, Investoren, Unternehmen, Lieferanten, Kunden, Konsumenten.

Immer mehr Unternehmen nehmen heute den Begriff der Nachhaltigkeit auf. Wenn er auch ab und zu als Schlagwort verwendet wird, zeigt es doch, dass das Bewusstsein für die ökologische Verantwortung wächst. Ein Beispiel:
„Ein Unternehmen, das auf langfristigen Erfolg abzielt, muss Werte nicht nur für seine Aktionäre, sondern auch für die Gesellschaft und Umwelt erzeugen. Bei bei Nestlé nennen wir dies „Gemeinsame Wertschöpfung.“


Der Einbezug der Nachhaltigkeit muss den Firmen etwas bringen. Zielführend ist es, wenn sie sich fragen, wie und womit sie die grösste Hebelwirkung erzielen könnten. Das hängt nicht von der Grösse eines Betriebs ab, auch unter KMU’s finden wir erfolgreiche Beispiele. 

Als nachhaltig arbeitende Firmen kennen wir z.B.
  • Freitag – Taschen aus Lastwagenplachen
  • Delinat – biologische Weine, mit Verkauf und Versand bereits in drei Ländern oder etwas exzentrisch Urban Farmers und Captain Plant (bietet vegane „Hamburger“ an)



Partnerschaften

dienen nicht nur im Business-Alltag den beteiligten Unternehmen, sondern auch bei der Verwirklichung der Nachhaltigkeit. Weltweit entstehen neue Businessmodelle durch Multi-Partner-Initiativen (Beispiel: Mikrokredite). Partnerschaften bringen unter anderen folgende Wettbewerbsvorteile:
  • Konfliktvermeidung durch weniger Konkurrenz, 
  • Innovationsbeschleunigung durch Zusammenführen des technischen Know-hows,
  • Voraussage der Nachfrage, 
  • Beeinflussung der Gesetzgebung.


Um die heutigen Herausforderungen zu meistern



  • zählt das Engagement und die Verantwortung jedes einzelnen z.B im nachhaltigen Konsum, im Mitarbeiterengagement, in der Sorgfaltspflicht der Unternehmensleitung.
  • kommen dem Dialog und der Zusammenarbeit mit den Interessensgruppen eine hohe Priorität zu
  • sind Innovationen und Partnerschaften – wenn auch anspruchsvoll - von zentraler Bedeutung

Verbindliche Kooperation - gemeinsame Jungenaufzucht - soziale Intelligenz - Kultur



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen